“Wissen Sie, wir leben in einer Marktwirtschaft…”

Diesen Artikel habe ich vor einigen Jahren verfasst, seitdem hat sich aber diesbezüglich nicht viel zum Besseren verändert – eher das Gegenteil – daher ziehe ich ihn gerne in den neuen Blog um.

Die neuen Medien sind toll, ich erhalte neben obskuren Pornoangeboten und prima Supersonderangeboten auch hin und wieder richtig schöne Mails. Eines Tages schreibt mir auch ein Galerist – klingt erstmal gut:

“liebe künstlerin, durch das internet bin ich auf ihre kunst aufmerksam geworden, die mir sehr gut gefällt; 2003 möchte ich wieder mit der galerie auf die KUNSTMESSE SALZBURG gehen und auf die ART BODENSEE; falls sie interesse an einer teilnahme haben, lassen sie es mich bitte wissen, und ich maile ihnen umgehend die infos zu; ausstellungen in der galerie in MANNHEIM sind wieder ab 2004 möglich; bitte schauen sie doch auch einmal auf meine homepage unter www.XY.de, um sich zu informieren….freue mich, wieder von ihnen zu hören und grüsse herzlich ihr XY”

Ich forder mehr Infos an. Da kommen drei Mails, die alle einen schicken Vertrag enthalten, ein paar interessante Details für die Galerie-Ausstellungen, wobei die Galerien Bürohäuser sind:

“—-
Ausstellungsdatum: Februar04-Juli04 – März 04-August 04 – etc. also jedes Mal vier Monate
Vernissage: wird noch mitgeteilt

Abholung der Kunstwerke sofort nach Ausstellungsende sowie persönlicher Rücksprache mit der Galerie. Die Kunstwerke sind nach Ausstellungsende nicht mehr versichert, können nicht gelagert werden und werden bei Nichtabholung auf Kosten der betroffenen Künstler per Spedition zurückgesandt.

Kostenbeteiligung der Künstlerin/des Künstlers:
800 EURO zahlbar wie folgt: 400 EURO bei Vertragsabschluß zu überweisen auf folgendes Konto: XY der Rest zwei Monate vor Ausstellungsbeginn.
Ausstellungsversicherung während des Ausstellungszeitraumes (max. 12500 EURO pro Teilnehmer/in); es gelten die Daten auf der Einladungskarte
Für Papierarbeiten sind keine Glasrahmen verfügbar und müssen vom Künstler/von der Künstlerin selbst organisiert werden.

Die Hängung/Reihenfolge der Kunstwerke ist alleinige Sache und Aufgabe der Galerie und wird ausschließlich ohne die gleichzeitige Anwesenheit der Künstler/innen von der Galerie ausgeführt.
Während der Ausstellungsdauer ist es dem Künstler/der Künstlerin untersagt, ausgestellte Werke zu verkaufen oder dafür innerhalb oder außerhalb der Galerie zu führen. Der/die Künstler/in darf auch keinerlei Verkaufsangebote für einen späteren Zeitraum für diese Kunstwerke abgeben oder sonstige Verhandlungen in diesem Zusammenhang führen. Es gilt bei Zuwiderhandlung durch den Künstler/die Künstlerin ausdrücklich eine Vertragsstrafe in Höhe des zweifachen Verkaufspreises des/der betreffenden Kunstwerk(e)s als vereinbart. Der/die Künstler/in anerkennt diesen Sachverhalt mit seiner Unterschrift.

Die Teilnahme an der Ausstellung beinhaltet keinerlei Verkaufsgarantie.
—-”

Noch ein paar interessante Details für die Messe-Teilnahmen:

“—-
Die Galerie präsentiert den Künstler/die Künstlerin gemeinsam mit anderen Künstlern der Galerie auf der Kunstmesse Salzburg/ ART BODENSEE (Dornbirner Kunstmesse) in Österreich.

Die Auswahl der Kunstwerke obliegt der Galerie: diesbezüglich sind von den Künstlern Fotos von den auszustellenden Werken einzureichen.
Die Präsentation auf einer Messe ist besonders wichtig; deshalb präsentieren wir von jedem Künstler/jeder Künstlerin Werke nur in einer sehr reduzierten und konzentrierten Form (nach gegenseitiger Absprache).
Anlieferung und Abtransport der Kunstwerke obliegt dem Künstler/der Künstlerin nach Absprache mit der Galerie.
Der Künstler/die Künstlerin wird im offiziellen Messekatalog der Kunstmesse genannt.
Über den Stand der GALERIE auf der Kunstmesse Salzburg wird im Kunstfachmagazin ARTPROFIL berichtet werden.

Darüber hinaus gibt die Galerie einen eigenen Katalog mit den teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern der Galerie heraus: jeder Künstler/jede Künstlerin erhält zwei Seiten: je eine s/w-Seite mit Vita und eine Seite mit einer farbigen Abbildung.
Der Künstler/die Künstlerin darf selbstredend während der gesamten Ausstellungsdauer im Salzburger Messezentrum anwesend sein.
Dem Künstler/der Künstlerin entstehen keine weiteren Ausstellungskosten.

Der Teilnahmebetrag des Künstlers/der Künstlerin beläuft sich auf 1090 EURO / 1980 EURO und ist bei Vertragsabschluß in voller Höhe und ohne Abzug auf folgendes Konto zu überweisen.
—-”

Na danke!
Also, um es gleich vorneweg zu sagen, ich habe nichts gegen Kostenbeteiligung, aber bei den Summen, die dieser Herr Galerist veranschlagt, frage ich mich dann doch, wofür?

Keine Galeriekosten in Form von Miete, wahrscheinlich wird der Mann sogar von den Bürohäusern für die Ausstattung ihrer Wände mit Originalkunst bezahlt. Wenn nicht, sollte er das aber werden, ist doch tolles Marketing für die Firmen…
Und für 1000-2000 Euro kann ich mich vermutlich selber, wenn auch vielleicht nur mit einer Staffelei auf eine Kunstmesse stellen, aber dann falle ich auch auf…

Na also, ich habe dann noch ein paar Fragen gestellt, besonders weil ich wenige Tage später dieselbe Anfragenmail nochmal bekam. Da hatte mir der Mann aber die Verträge schon zugesendet.
Eine Massenmail an Kunstschaffende im Netz, da fühlt man sich doch wirklich wahrgenommen…

“Hallo XY
da kommen mir gleich einige Fragen in den Sinn:
Laut Ihrem Vertrag, für Mannheim beispielsweise, garantieren Sie bei den Summen, die Sie für die Teilnahme an den von Ihnen vorgestellten Veranastaltungen verlangen, nicht mal Ankäufe?
Bei der Kostenbeteiligung, die Sie erwarten, braucht es aber schon eine Motivation:
Was verkaufen Sie durchschnittlich denn so pro Ausstellung in Euro?
Wieviele Einladungen lassen Sie drucken und versenden Sie?
Farbig oder SW, Doppelkarten oder einfache Postkarten?
Wieviele davon bekomme ich, wenn überhaupt, zum Versenden?
Was sind das für geladene Gäste, haben Sie Kunstsammler, Stiftungen, andere Galeristen, Vertreter von ankaufsinteressierten Institutionen dabei?
Wieviele E-Mails versenden Sie durchschnittlich?
Wer kriegt die drei Pressemappen, nur lokale Zeitschriften?
Gibt es Plakate?
Wieviele Besucher haben Sie durchschnittlich auf den Vernissagen?
Wie genau sieht Ihre professionelle Ausstellungsbetreuung aus?
Arbeiten Sie auch über die Vernissage hinaus an einem Verkauf der Bilder/Objekte?
Die Firmen, in deren Räume Sie ausstellen, sind meines Erachtens keine außerordentlich Motivation, es sei denn, die kaufen regelmäßig an.
Die Versicherungssumme bei Ihren Ausstellungen von 12500 Euro (oder ist das ein Druckfehler) erscheint mir etwas niedrig, muß ich sagen, wenn Ihre Ausstellungsbestückung in der Regel von 10 – 20 Arbeiten ausgeht.

Ganz besonders irritiert mich, daß Sie, nachdem Sie eine Rückfrage von mir bezüglich Ihrer Aktivitäten erhalten haben, ich eine weitere allgemeine Anfragenmail von Ihnen bekommen habe.
Das läßt darauf schließen, daß Sie Massenmails verfassen, was mich vermuten läßt, daß Sie meine Arbeiten nicht wirklich wahrgenommen haben – schade eigentlich.
Ich bin auf Ihre Antworten gespannt.
AZ”

Hier seine Antwort

“iebe frau zuber, vielen dank für ihre anfragen; aber da ihnen meine galerien nicht gefallen, sollten wir doch auf eine zusammenarbeit verzichten; falls sie meine homepage aufmerksam gelesen haben, wissen sie, warum ich mit firmen zusammenarbeite, das ist in der regel erfolgreicher als in museumsähnlichen galerieräumen, die kaum frequentiert werden; auf der homepage sind auch die farbigen einladungen etc. zu sehen; natürlich bekommt jeder künstler so viele einladungen wie er benötigt; wir verfügen ebenfalls über einen sehr großen verteiler und arbeiten mit der kunstfachzeitschrift ARTPROFIL zusammen, die über all unsere aktivitäten berichtet (was auch seinen preis hat); wie sie wissen, leben wir in einer marktwirtschaft,. und da entscheidet der kunde, was er kauft; ich kann ihm nur hilfestellung geben, der kauf ist freie entscheidung…da ich eine fehlermeldung über das system bekam, habe ich die mail ihnen nochmals zukommen lassen, die tücken der technik; ich wollte ihre fragen jedenfalls in der breite beantworten, obgleich ihren zeilen das desinteresse zu entnehmen war…aber kein problem; vielleicht schauen sie mal ins dezemberheft vom ARTPROFIL rein, da ist einiges zu lesen…oder sie schauen noch einmal ins internet unter “presse”, dort sind die berichte auch abgedruckt…liebe frau zuber, ich wünsche ihnen einen besinnlichen jahreswechsel und vor allem gesundheit für 2003…vielleicht höre ich ja wieder von ihnen…herzliche grüsse ihr

p.s. der verkauf ist unterschiedlich, je nachdem, ob die werke ankommen; wir haben im durchschnitt 150 besucher auf den vernissagen; natürlich kümmert sich die galerie über die vernissage hinaus um den verkauf; was denn sonst ist die aufgabe einer galerie?”

Alsoooo:
Als ein guter Galerist weiß man ja ungefähr, was beim geneigten Publikum ankommt, aber wenn man die Kunstwerke nach der Zahlungsbereitschaft oder -fähigkeit der Kreativen aussucht, sieht die Sache schon anders aus.
Klar gibt es keine Ankaufsgarantie, aber warum soll denn dann der Künstler garantiert bezahlen? Gleiches Risiko für alle!
Abgesehen davon, wenn die Firmen ihre Räume regelmäßig mit Originalkunst bestücken lassen, wäre eine Ankaufsgarantie das Mindeste, das gibt’s sogar im rückständigen Kassel an ein zwei Ausstellungsorten dank des Engagements eines ansässigen Galeristen.

Früher soll es ja mal Galeristen gegeben haben, die aus Überzeugung gehandelt haben, was nicht bedeutet hat, daß sie hungern mußten, aber sie haben die Kunstschaffenden nicht von vornherein zahlen lassen. Eines hat sich seitdem nicht wirklich geändert: daß die Kunstschaffenden selber meist verdammt wenig Geld haben und genau deswegen unter Umständen eher in Möbelhäusern ausstellen, weil die nämlich kein Geld nehmen sondern sich nur über die “Deko” freuen, was auch nicht wirklich sinnvoll für uns ist – aber es lebe die freie Marktwirtschaft….

Na also, ich lasse das dann mal lieber, ich kenne auch Galerien, die einen ohne Bezahlung ausstellen, es gibt sie noch…

Falls aber jemand dieses Angebot von dem Herrn mit den Büro-Galerien und den Kunstmessen wahrnehmen möchte, schreibe er/sie mir, ich lasse dann die Adresse rüberwachsen – aber wenn Ihre Arbeiten im Internet sind, wird er sie eines Tages von selbst finden und dann heißt es wieder: “liebe künstlerin……”

Die Geschichte vom Grafen von G.

Einer von meinen Freunden ist jemand, auf denen ältere Herren einen unwiderstehlichen Reiz ausüben – nein, nicht was Sie denken, es scheint mir eher eine Mischung aus der Suche nach einem väterlichem Vorbild und dem beruhigenden Gefühl, in keiner Konkurrenz stehend zu sein.

Auf einer Vernissage in einem renommierten Museum in Kassel wurde mir von eben diesem jungen Mann ein älterer Herr vorgestellt, seines Zeichens Maler. Ein paar Höflichkeitsfloskeln wurden ausgetauscht und dann verloren wir uns alle wieder in der Menge der Kunstflaneure. Bei einer weiteren Vernissage, erschien auch der ältere Herr und Maler, nennen wir ihn den Grafen von G.

Nun fragte mich dieser, ob er denn mal vorbeikommen könne, mir seine Bilder zu zeigen und ein bißchen zu fachsimpeln.
Klar könne er mich besuchen, das Atelier war ja ein offenes Atelier, in der Regel freue ich mich auch über Besuch. Der Graf rief in der folgenden Woche an und vereinbarte einen Termin für Freitag Vormittag und fragte mich, ob es mich störe, wenn er in Arbeitskleidung käme.
Nein, sagte ich, das stört mich nicht. Pünktlich um 11 Uhr betrat der Graf von G. in einem hellen Trenchcoat unter dem eine Gummischürze als wichtigstes Kleidungsstück hervorstach meine Räumlichkeiten. Ich begrüßte ihn, bot ihm einen Kaffee an, denn er wollte mir ja ein paar seiner Bilder zeigen. Er holte aus seiner Tasche ein dunkles Bündel hervor, legte es beiseite und begann ein paar Zeichnungen und Fotos auf meinem Tisch auszubreiten.
Es waren hauptsächlich Porträts von jungen Männern, auch ein, zwei junge Frauen, auf diesen Bildern waren bei allen Dargestellten Ansätze einer Schürze zu sehen, die mich sehr an die Schürze des Grafen von G. erinnerten.
Ich bemerkte es und er stimmte begeistert zu. Ein paar Fotos von Bildern folgten, dazwischen lagen ein paar Fotos von jungen Menschen, die offensichtlich als Modell gedient hatten, raten Sie, was die trugen…richtig.
Das fand ich etwas befremdlich, aber nicht wirklich beunruhigend, dann folgten bei der Durchsicht wieder Zeichnungen, Menschen mit Schürze am Klavier, Menschen mit Schürze beim Holzhacken, Menschen mit Schürze, Mann mit Schürze beim Masturbieren, Frau mit Schürze am Klavier…
Hoppla …Das gehört eigentlich nicht dazu, aber es gehört eigentlich doch zum Leben, oder? fragte mich der Graf mit senil-lauerndem Blick.

Weitere Bilder, der Graf erzählte mir von diesem und jenem verkauften Bild, dieses Gemälde ist sooo groß und schon verkauft, aber wissen sie, wenn ich soviel Arbeit habe, dann muss ich mich auch mal entspannen… sexuell entspannnen, das brauche ich für meine Gesundheit – Foto junger Mann – mit dem habe ich mich auch sehr gern entspannt, der studiert jetzt in XY. Sie haben nicht zufällig eine Freundin, die gerne eine Schürze tragen würde?
Sie sollte keinerlei finanzielle Interessen haben, einfach nur eine Gummischürze tragen…ist doch nichts Schlimmes dabei, oder? Schmutzige Sachen mache ich nicht, alles nur mit Gummi – Zeichnung von zwei Menschen, die Schürze auf Schürze liegen – alles nur mit Gummi…Aber das erzähle ich natürlich nicht jedem, das verstehen sie doch…Nur ein bißchen Rubbeln, wenn die Sahne raus iss, geht’s…
Nun Herr von G., warum auch immer sie mir DIESE Bilder zeigen, aber ich bin nicht interessiert und NEIN, Herr von G., ich habe KEINE Freundin, die Modell stehen könnte… Weitere Fotos von Stilleben, harmlose kleine Obstschalen mit Kerzenleuchtern, da – wieder ein Foto von einem Wesen mit Gummischürze und Gasmaske? Nein, Latex…..
Herr von G., ich habe jetzt wirklich genug gesehen und habe noch zu tun, würden sie jetzt bitte gehen… Ach, man wird auch nicht jünger und niemand ordenet meine Fotos und meine Bilder, da ist dann – nein, wie kommt das denn dahin?

…Aber wissen sie, Ich brauche doch Entspannung wegen meiner Gesundheit. – Das ist nicht mein Problem! Ich räume seine Zeichnungen und Fotos mit spitzen Fingern zusammen, er zieht wieder ein Porträt hervor und stellt es an der gegenüberliegenden Wand auf, das ist eine nette junge Frau, iss hübsch nich? Ich räume das Bild wieder auf seinen Stapel. Ich habe jetzt wirklich … Ach, es passieren so schreckliche Sachen heutzutage, Frau XYist schon zweimal überfallen worden, deshalb ziehe ich mich nicht gerne so gut an – sind sie eigentlich immer ganz alleine hier? Das ist doch gefährlich für so ein hübsches Weibsstück wie sie!
Schauen sie mal, zieht das am Anfang beiseite gelegte Bündel hervor, es ist – eine Schürze, die habe ich selber gemacht, praktisch beim Malen, wollen sie sie mal anprobieren, nein?
“NEIN!”
Hosen und Kleider kann ich nicht selber machen, nur Schürzen…. Ich nehme seinen Mantel von der Garderobe, reiße die Tür auf, es fehlt nicht viel und ich werfe sein ‘Oeuvre’ auf die Strasse – er geht vorher.

Das KLEINGEDRUCKTE
Dieser Text wurde von mir erstellt und beruht auf einer wahren Begebenheit vor einigen Jahren. Alle Inhalte dürfen nur mit meiner schriftlichen  Genehmigung verwendet werden.