“Kunstpreis oder der Preis, ein Künstler zu sein”

Auch für diesen Artikel gilt: Vor einigen Jahren zu einem konkreten Anlass verfasst und geschrieben, heute noch genauso aktuell für mich, daher in meinem Archiv.

Kunstwettbewerbe, Ausschreibungen, Kulturförderung etc. sind ein reichhaltiges Thema. Im Prinzip ist Kunst- und Kulturförderung eine gute Sache, aber … Auch in Nordhessen wird gefördert. Ein Hotel, das sich zusammen mit einer Agentur einen Kunstpreis ausgedacht hat, ist Ausgangspunkt für diesen Text.

I
Also, da flattert mir so ein Schreiben ins Haus, ein Hotel fordert professionelle Künstler und Künstlerinnen auf, Werke einzureichen. Davon werden dann mittels einer Jury einige ausgewählt und dann zeigen ALLE ausgewählten Kreativen ein Jahr lang 4 – 6 ihrer Arbeiten im Hotel (Lobby und Zimmer), zahlen die Versicherung aus eigener Hand und am Ende des Jahres wird der Preisträger ausgerufen. Der bekommt dann das Preisgeld von ein paar tausend Mark, dafür schenkt er dem Hotel eine Arbeit im Wert von 3000 DM (oder er bekommt einen kleineren Preis und ein Werk in Höhe von 3000 DM wird angekauft – das ist Ansichts- oder Definitionssache). Abbildungen seiner Arbeiten lässt der Künstler unentgeltlich für die Austellungsdauer zwecks Werbung zu. Ich schmeisse den Wisch weg.

II
Ein zweites Schreiben kommt an. Die Bedingungen sind leicht geändert worden, der Kunstschaffende zahlt jetzt doch nicht selber die Versicherung und es sollen auch nur zwei Arbeiten für ein halbes Jahr und dann zwei weitere für das zweite Halbjahr aufgehängt werden (nur in der Lobby). Ausserdem gibt es eine Vernissage, eine Midissage und eine Finissage. Hmm, schauen wir uns mal die Räume an: Grossgemusterter Teppich in sehr lauten Farben, die verhindern, dass man die Krümel sieht, die vom Esstisch fallen – der Speisesaal als Galerie. Indirekte Beleuchtung, pinkfarbener Satin über den Büffett-Tischen – alles in allem fällt es einem nicht schwer, was auch immer an der Wand hängt, zu übersehen. Ich beschliesse, meine Arbeiten dem nicht auszusetzen.

III
Die Vernissage: Ich erklimme die Treppe, da steht eine lange Schlange, gute Güte, so voll hier? Dann erkenne ich den Grund, am Eingang ein Tisch mit einem Schild, auf dem steht: “Bitte tragen Sie sich in die Anwesenheitsliste ein!” Ich fühle mich irgendwie genötigt. Die Vernissage ist gut besucht. Ich erkenne viele aus der “Kunstszene”, mir begegnen auch Künstler mit einem grossen Namensschild – aahh, das sind die Beteiligten. Es gibt einige Vorträge, einer davon erinnert an eine Wahlrede (da war doch was – demnächst…). Schliesslich kommt man zum Wesentlichen, der Künstlerförderung. “Wussten Sie, ” fragt die Vortragende, “dass der durchschnittliche Künstler in Deutschland nur 20000 DM im Jahr verdient?” “Was? So viel?” fragt entrüstet jemand neben mir, ich schaue hin, es ist jemand mit Schild – uups.

IV
Zur Midissage ist die Besucher- und Künstlermenge gelichtet. Einige Bilder wurden ausgetauscht, andere nicht. Weniger Rede, einen Teil glaube ich bereits zu kennen – eine schöne Laudatio auf den Preisträger wird gehalten, an der besten Stelle tönt eine aufdringliche Handy-Melodie durch den Raum und zwischendurch hört man Handwerkergeräusche. Ich kann nicht ausmachen, ob etwas verkauft wurde. Das Finissage-Datum ist der 31.12..

Nachsatz
Kunstförderung ist eine gute Sache. Aber wenn sich das Mäntelchen der Kunstförderung umgehängt wird, um kostenlose Werbung und dazu noch so gut wie kostenlose Dekoration durch Originalkunst für EIN Jahr zu haben, dann fange ich an am Wert der Aktion zu zweifeln. Die Forderung nach Ausstellungshonoraren mal beiseite gelassen: Die Ausstattung einer Räumlichkeit kostet bei einer Galerie selbst bei Anmietung der Werke, sehr viel Geld. Internationale Kontakte, die sich dadurch für den Ausstellenden ergäben, wurden mehrfach angepriesen – aber Hand auf’s Herz, würden Sie ein Kunstwerk kaufen, dass in einem Hotel in einer fremden Stadt hängt, in einem Raum, wo Sie vielleicht nur Ihr Frühstück einnehmen? Offen bleibt die Frage: War das ein netter Versuch, der etwas ungeschickt angegangen wurde, oder eine Aktion aus reinem Eigennutz der Veranstaltergemeinschaft?

“Der Preis der Kunst”

Neulich hatte ich mal wieder eine Ausstellung, es waren nicht meine Arbeiten, das heisst, in diesem Falle bin ich dann nicht mehr Künstlerin, sondern Galeristin – könnte man sagen.
Da kam eine Person herein, stellte mir viele Fragen und sah sich alles genau an. Kennen Sie das, wenn jemand Ihnen ständig das Gefühl gibt, mehr von Ihrem Job zu verstehen als Sie?
Egal, so was soll’s geben, aber dann sagte die Person: “Ich interessiere mich für diese Arbeit, Sie können Sie mir doch ruhig billiger geben, Sie müssen ja nicht davon leben…”

Diese Begebenheit brachte mich auf den Gedanken, mal ein paar Fragen und Betrachtungen in den Raum zu stellen.

Die Sache mit den Preisen von Produkten ist eine ganz spezielle Sache, besonders, wenn es keine Richtpreise gibt, wie das ja nun auf dem sogenannten Kunstmarkt der Fall ist. Was ein Liter Milch in Deutschland durchschnittlich so kostet, ist leicht festzustellen, bei einem Bild, einer Zeichnung sieht die Sache schon ganz anders aus.

Mal abgesehen vom Euro, der ja auch gerne Teuro genannt wird, was darf ich als Künstlerin denn für meine Arbeit berechnen?
Es ist wirklich Arbeit, wie alle Kunstschaffenden wahrscheinlich bestätigen werden, selbst wenn ein Werk in kurzer Zeit hergestellt wird, wieviel Arbeit hat es gebraucht so professionell zu werden?

Aber da sind weitere Fragen:
Berechtigt mich ein nachgewiesenes Studium, das heisst eins mit offizieller Bestätigung einer Universität desselben dazu, mehr Geld für meine Malerei zu nehmen?

Andersherum, auch wenn ich jahrelang an meinem Talent gearbeitet habe, was man am Ergebnis meiner Arbeiten sehen kann, aber keine offizielle Bestätigung der Universität habe, muss ich meine Arbeiten dann zu Schleuderpreisen hergeben?

Ist ein nachgewiesenes Studium wirklich ein BEWEIS für Kreativität und gute Arbeit?

Handeln Sie immer die Preise herunter? Auch beim Bäcker? Oder, wenn Sie sich ein ungerahmtes Poster bei einem Großhändler kaufen, das
a) kein Einzelstück ist
b) vermutlich nicht von jemand ist, den Sie persönlich kennen und
c) wahrscheinlich im besten Falle Erben bereichert, den möglicherweise toten Künstler aber nicht mehr.

Wieviel ist es Ihnen wert, dass in unserer Gesellschaft Kunstschaffende versuchen, diese zu verändern, zu bereichern oder etwas zu bewegen?

Gehen Sie auf Vernissagen, um Ihre Freunde oder “Kunst” zu sehen?

Glauben Sie, dass gute Künstler es schon schaffen werden oder würden Sie sie doch lieber dabei unterstützen?

Glauben Sie, dass gute Kunst nur in Museen und renommierten Galerien zu finden ist? (Was auch immer genau unter beidem zu verstehen ist)

Ist Kunst im Privatraum ein Statement, eine Lebensphilosophie oder eine Frage des Geschmacks und/oder des Innenarchitekten, den man beschäftigt?

Würden Sie eine staatliche Unterstützung für freie Kunstschaffende befürworten oder sollte es die nur für Institutionen und Vereine geben?

Erinnern Sie sich manchmal daran, daß Künstler, deren Bilder heute für aberwitzige Millionenbeträge verkauft werden, zu ihren Lebzeiten am Hungertuch genagt haben und vielleicht noch mehr Meisterwerke gemalt hätten, wenn Sie nicht Aushilfsjobs hätten machen müssen, um mal wieder etwas zu essen und Leinwand kaufen zu können?